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Moulagen von Alfons Kröner:

Jahr Moulagen 1897 3 1898 9 1899 15 1900 19 1901 9 1902 19 1903 9 1904 7 1905 7 1906 9 1907 13 1908 22 1931 8 undatiert 205

Tab. 4: Von den insgesamt 354 Moulagen von Alfons Kröner in Kiel sind nur 149 Moulagen mit einem Datum versehen. Aus der Tabelle wird ersichtlich, wieviele Moulagen einer be-stimmten Jahreszahl zugeordnet werden können.

Abb. 2: Die Patentschrift aus dem Jahr 1902

Fig. 3: Moulage von Alfons Kröner mit der Darstellung einer Tuberkulose der Zunge

3.2 Olga Harloff:

Olga Harloff wurde am 24. Februar 1887 in Kiel geboren. Wie Kieler Adreßbücher der Jah-re 1913 bis 1915 aus dem Stadtarchiv belegen, arbeitete sie als Laborgehilfin in der derma-tologischen Universitätsklinik in Kiel. Ein Hinweis in den Kieler Adreßbüchern auf einen möglichen kurzfristigen Umzug nach Plön ließ sich nicht bestätigen. Im Jahr 1917 meldete sie sich bei der Stadt Kiel ab, um "auf Reisen zu gehen" . Über ihr weiteres Leben ist nichts bekannt. 21 Moulagen stammen aus dem Zeitraum von 1912 bis 1916 (Tab. 5). 4 Moulagen sind nicht datiert. Olga Harloff verwendete bei allen ihrer noch erhaltenen Moulagen eine eigene Numerierung. Die höchste Zahl ist die 61, deshalb existierten ursprünglich vermutlich we-sentlich mehr Moulagen. Drei Etiketten aus Breslau lassen auf einen Besuch oder längeren Aufenthalt zum Erlernen des Moulagierens dort schließen. Mehrere ihrer Moulagen sind, ähnlich wie Kröners Moulagen, stark vergilbt. Auch dieses könnte auf eine Beziehung zu Kröners Moulagenatelier hinweisen. Moulagen mußten nun nicht mehr angekauft, sondern konnten direkt vor Ort gefertigt wer-den, was nicht nur die Befunddokumentation, sondern auch die Lehrmittelproduktion verein-fachte. Auf den Moulagen von Olga Harloff sind auf der Rückseite vereinzelt der Patientenname und das Entstehungsdatum der Moulage vermerkt. Weitere Angaben werden nicht gemacht. Ihre Moulagen zeigen nicht nur ausgeprägte Befunde, sondern auch alltägliche Krankheitsbilder, wie z. B. Varizellen. Ihre Moulagentechnik muß als sehr ausgereift bezeichnet werden. Sie arbeitete jede Moulage bis ins kleinste Detail aus (Abb. 4). Die Aussagekraft ihrer Wachs-modelle ist auch heute noch beeindruckend und kann mit der Moulagenkunst Alfons Kröners durchaus mithalten.

Moulagen von Olga Harloff:

Jahr Moulagen 1912 3 1913 8 1914 3 1915 4 1916 3 undatiert 4

Tab. 5: Die 25 noch vorhandenen Moulagen von Olga Harloff weisen zum großen Teil eine Datierung auf; den einzelnen Jahreszahlen ist jeweils die Anzahl der vorhandenen Moulagen zugeordnet.

Abb. 4: Moulage von Olga Harloff mit der Darstellung einer Pilzinfektion der Haut

3.3 Detlef Klein:

Detlef Klein wurde am 21. Januar 1879 in Neumühlen bei Bordesholm geboren. Er war Werkmeister und fertigte Moulagen für die Hautklinik zumindest in dem Zeitraum zwischen 1932 und 1935 (Tab. 6). Auch über sein Leben sind keine weiteren Details bekannt. Er starb am 2. Januar 1962 in Kiel. Von seinen insgesamt 31 noch vorhandenen Arbeiten sind 9 undatiert. Seine Wachsmodelle, vor allem die Handmoulagen, sind im einzelnen Detail nicht so sorgfältig gearbeitet (Abb. 5) wie bei Olga Harloff, so sind z.B. Falten und Relief der Haut jeweils nur angedeutet. Im Gegensatz zu den anderen Moulagen der Sammlung haben seine Wachsmodelle jedoch kaum Farbveränderungen hinnehmen müssen.

Moulagen von Detlef Klein:

Jahr Moulagen 1932 11 1933 8 1934 2 1935 1 undatiert 9

Tab. 6: Die 31 Moulagen von Detlef Klein können bis auf 9 Exemplare dem Zeitraum zwi-schen 1932 und 1935 genau zugeordnet werden.

Abb. 5: Moulage von Detlef Klein 3.4 Ernst Saalborn:

Ernst Saalborn wurde am 4. Mai 1893 in Kösen bei Naumburg geboren. In Leipzig absolvierte er von 1907 bis 1911 eine Ausbildung zum zoologischen Präparator. Das Mou-lagieren selbst gehörte jedoch zur damaligen Zeit wohl nicht zu diesem Berufsbild. Es besteht die Möglichkeit, daß Saalborn zu dieser Zeit die Bekanntschaft mit der gerade ent-standenen Moulagensammlung der Universitäts- Hautklinik in Leipzig machte, die der Der-matologe Heinrich Rille (1864-1956) zu Beginn dieses Jahrhunderts gegründet hatte. Die Großzahl der Moulagen aus dieser Sammlung wurden bei schweren Bombenangriffen auf Leipzig 1943 und 1945 vernichtet. Ebenso könnte Saalborn während seiner Wanderjahre zwischen 1911 und 1913 Moulagen kennengelernt haben. Ernst Saalborn ließ sich 1913 in Bremerhaven nieder. Durch den Überseehafen und die Einfuhr exotischer Tiere bestand dort eine große Nachfrage an Präparatoren. Zu Beginn des Ersten Weltkrieges wurde Ernst Saalborn jedoch zur Marine eingezogen und tat Dienst auf der MS Lothringen. Als diese 1918 in Kiel außer Dienst gestellt wurde, gründete er hier sein Geschäft und seine Werkstatt als Präparator. Diese haben jedoch nur wenige Jahre bestanden. In den Jahren 1927 und 1928 fertigte er die heute noch erhaltenen dreizehn Moulagen auf freiberuflicher Basis für die Hautklinik (Tab. 7). Vermutlich waren es mindestens 18, wie sich aus seiner fortlaufenden Numerierung erkennen läßt. Laut Aussagen seines Sohnes war Ernst Saalborn ein künstlerisch begabter Mensch, dem die Fertigung von Moulagen viel Freude bereitete. Im Jahr 1928 wechselte er zur Norddeutschen Rundfunk AG (NORAG), da sich sein Geschäft und seine Werkschaft als nicht rentabel erwiesen. Nach dem Zweiten Weltkrieg restaurierte er zusammen mit seinem Sohn seine eigenen Moulagen sowie einen Teil der übrigen Sammlung, indem er kleinere Schäden aus-besserte. Saalborn hat seine Technik weder an seinen Sohn noch an Schüler weitergegeben. Er verstarb am 28. März 1968 in Kiel. Saalborns Moulagen wirken noch heute ausgesprochen lebensecht auf den Betrachter (Abb. 6). Im Gegensatz zu Kröners Moulagen weisen sie keine Vergilbung auf. Auch ihr Er-haltungszustand ist, verglichen mit Moulagen anderer Moulageure, ausgesprochen gut.

Moulagen von Ernst Saalborn:

Jahr Moulagen 1927 4 1928 9

Tab. 7: Die Moulagen von Ernst Saalborn lassen sich alle auf ein bestimmtes Jahr datierten.

Abb. 6: Moulage von Ernst Saalborn mit der Darstellung eines Herpes zoster 3.5 H.E. Becher:

Becher stammte aus München, wo er vermutlich, wie etwa die Mitglieder der Familie Ham-mer und Zeiller, als privater Lehrmittelproduzent oder Wachsbildner tätig war. Über sein Leben sind keine Einzelheiten bekannt. In Kiel stellt er mit 21 Moulagen einen wesentlichen Teil der Sammlung. Da keine seiner Kieler Moulagen datiert ist, fällt die zeitliche Zuordnung schwer. Seine sehr exakt gearbeiteten Wachsmodelle repräsentieren verschiedene dermatologische Krankheitsbilder und lassen keine Schlüsse über mögliche Vorlieben des Moulageurs zu. Seine Wachszusammensetzung ist unbekannt, auffällig ist jedoch, daß die dargestellte Haut fast weiß erscheint. Weitere seiner Moulagen finden sich in den Sammlungen der Universitätskliniken Erlangen, München und Münster. Auf den Moulagen von Becher in Kiel finden sich diesbezüglich Etiketten auf der Rück- oder Vorderseite, die auf Originale in Erlangen und München hin-weisen (Abb. 7). Beschreibungen zu einzelnen Patienten gibt es nicht.

Abb. 7: Moulage von H.E. Becher 3.6 W. Beck:

Auch über W. Becks Leben ist nichts bekannt. Ein Etikett mit der Aufschrift der Universitäts- Hautklinik Breslau auf einer Moulage als einzigem Anhaltspunkt könnte auf Beziehungen zu dieser Stadt hinweisen. Ob Beck aus Breslau stammte oder dort zeitweise zu Besuch und mit Alfons Kröner bekannt war, läßt sich heute nicht mehr belegen. Von Beck existieren in Kiel 3 Moulagen, die alle undatiert sind. Zwei stellen das Krankheitsbild Erythema induratum, eine die Acne conglobata dar. Die Moulagen sind in recht gutem Zustand und zeigen nur eine geringe Vergilbung. Außer den Diagnoseschildern gibt es keine weiteren Hinweise auf Pa-tienten.

3.7. Fritz Kolbow:

Über Fritz Kolbow ist bis jetzt noch sehr wenig bekannt. Er wurde 1878 geboren und starb 1946. Kolbow betrieb eine private Lehrmittelwerkstatt in Berlin, von der aus er ab 1896 das Pathologische Institut unter Rudolf Virchow (1821-1902), die Universitäts- Augenklinik und die Chirurgische Universitätsklinik in Berlin belieferte. Er arbeitete um 1900 hauptsächlich für die Lesser`sche Hautklinik an der Charité. Von 1901 bis 1905 fertigte er Moulagen für Eduard Jacobi (1862-1914), dem damaligen Leiter der Dermatologischen Universitätsklinik in Freiburg. Ab 1903 war Kolbow in Dresden tätig. 1910 übernahm er die Leitung des "Pathoplastischen Instituts" in Dresden, das 1913 privatisiert wurde, um Fritz Kolbow die Möglichkeit zu geben, ausländische Auftraggeber problemloser zu beliefern. Zwischen 1910 und 1918 wirkte er entscheidend am Aufbau des National- Hygiene- Muse-ums in Dresden mit. Nach dem Ersten Weltkrieg ging er nach Berlin zurück, wo er bis 1941 ein Atelier führte. Im Gegensatz zu anderen Moulageuren bildete er einige Schüler aus, unter anderem Ella Lippmann (1892-1967), die nach seiner Rückkehr nach Berlin seine Nachfolge als Chefmoulageurin am National- Hygiene- Museum antrat, sowie Lotte Volger, die die Zürcher Moulagensammlung begründete. Die gesamte Lesser`sche Sammlung von Fritz Kolbow in Berlin wurde bis auf einige wenige Moulagen in den 60er Jahren an Kerzenhändler verkauft und zerstört. In Kiel existieren zwei undatierte Moulagen von Fritz Kolbow (Abb. 8). Sie sind mit seinem Schild ausgezeichnet: "Fritz Kolbow - Atelier für medizinische Lehrmittel Berlin N. W."

Abb. 8: Moulage von Fritz Kolbow mit der Darstellung einer Lues hereditaria

3.8. Sergej Pavlovich Fiwejskj:

Sergej Pavlovich Fiwejskj wurde 1856 geboren. Seit dem Jahr 1895 arbeitete er als Moula-geur an der Dermatologischen Universitätsklinik in Moskau. Zuvor hatte er sein Können bei der Reparatur von bestellten Moulagen aus Paris, die beim Transport beschädigt worden wa-ren, demonstrieren können. Seine Moulagen wurden nicht nur mehrfach ausgestellt, sondern gewannen sogar einen ersten Preis bei der "Russischen Ausstellung" 1896 in Moskau. Neben dermatologischen fertigte er auch rechtsmedizinische Moulagen. Seine Arbeiten fan-den bei dem 5. Internationalen Kongreß für Dermatologie im Jahr 1904 in Berlin großen Anklang. Einige seiner Moulagen sind in Jacobis "Atlas der Hautkrankheiten" abgebildet. Sergej Pavlovich Fiwejskj starb 1934. Er gab sein Können jedoch an seinen Sohn Sergej Sergevich Fiwejskj (1896- 1971) weiter. Heute wird die Sammlung von dessen Frau Efimov-na Fiwejskaya wissenschaftlich betreut. In Kiel ist eine Moulage mit der Darstellung eines Patienten mit Lupus erythematodes aus dem Jahr 1913 erhalten (Abb. 9), die sich durch ihre gute Qualität und vor allem durch ihre Realitätsnähe auszeichnet.

Abb. 9: Moulage von Sergej Fiwejskj 4 Prof. Viktor Klingmüller:

Viktor Felix Karl Klingmüller wurde am 15. Januar 1870 in Woiselwitz- Strehlen (Schlesien) geboren (Abb. 10). Nach seinem Schulabschluß 1889 am Gymnasium in Strehlen studierte er Medizin in Breslau und Halle an der Saale. Die Approbation als Arzt erhielt er am 16. März 1894. Nach mehrjähriger Assistenzzeit an der Medizinischen Universitätsklinik in Halle bei Professor Weber folgten 4 ½ Jahre Assistenz an der Dermatologischen Universitätsklinik in Breslau unter Professor Neisser. Im April 1902 wurde er Oberarzt der Klinik und habilitierte sich am 23. Juli 1902 mit eine Arbeit über die Pathologie der Lepra maculo- anaesthetica. Während der Javareise von Professor Neisser wurde er vom 15. Januar 1905 bis zum 1. Januar 1906 mit der stellvertretenden Leitung der Klinik betraut. Im März 1906 folgte er dem Ruf als Direktor der Hautklinik nach Kiel, wo er Nachfolger von Professor Ernst von Dühring wurde. Aus Breslau brachte Klingmüller vermutlich einen großen Teil der heute noch in Kiel vorhan-denen Moulagen von Alfons Kröner als Schenkung für seine eigene Sammlung mit nach Kiel. Ob diese Moulagen Unikate oder Duplikate waren, ist nicht klar. Da keine Dokumente aus dieser Zeit mehr vorliegen, läßt sich die genaue Zahl der Moulagen, die auf diesem Wege nach Kiel gelangten, heute nicht mehr ermitteln. Ebenso muß die Frage offenbleiben, ob Klingmüller wie Eduard Jacobi (1852-1915), der nach seinen zwei Jahren als Volontär in Breslau im Jahr 1899 Ordinarius in Freiburg wurde, in Breslau das Moulagieren gelernt hat. Klingmüllers wissenschaftliche Interessengebiete waren schon in jungen Jahren die Tuber-kulose der Haut und die Lepra, die ihn sein ganzes Leben lang immer wieder beschäftigte. Seine herausragenden wissenschaftlichen Leistungen auf diesem Gebiet schlugen sich in zahlreichen Veröffentlichungen nieder. Hervorzuheben ist vor allem seine Lepra- Monogra-phie. In Kiel förderte er im besonderen Maße die Röntgen- und Lichttherapie. Viktor Klingmüller kämpfte schon früh um Anerkennung für sein Fach und seine Klinik. Es war offensichtlich nicht leicht für ihn, der neuen Professur als Extraordinariat der Inneren Medizin entsprechendes Ansehen zu verschaffen. Die Umwandlung in ein planmäßiges Ordi-nariat ließ bis Ende der Zwanziger Jahre auf sich warten. 1937 wurde Klingmüller eme-ritiert und verstarb am 1. Mai 1942 ,72jährig, in Kiel. Seine künstlerische Persönlichkeit zeigte sich vor allem in der Liebe zur klassischen Musik. Er galt als hervorragender Geiger und machte bei der Familie Neisser die Bekanntschaft von Joseph Joachim, einem der bekanntesten Geiger seiner Zeit. Seine Ehefrau Gisela Kling-müller war eine begabte Malerin. Eines ihrer Ölgemälde ist noch heute im Besitz der Kieler Universitäts- Hautklinik. Auch die Schul- und Jugendfreundschaft mit den Brüdern Fritz (1868-1940) und Erich Erler (1870-1946), beide bekannte Maler und Graphiker, belegen das Bild seiner künstlerischen Persönlichkeit. Sicherlich war sich Klingmüller auch des künst-lerischen Wertes der Moulagen bewußt. Während seiner gesamten Amtszeit in Kiel war er bestrebt, die Moulagensammlung stetig zu vergrößern. Klingmüller stand damit in der Tradi-tion anderer dermatologischer Ordinarien seiner Zeit. Nachdem sich die Dermatologie in England (London) zu Beginn und in Frankreich (Paris) gegen Mitte des 19. Jahrhunderts stark entwickelt hatte, begann sich auch in Österreich verstärktes Interesse an der Dermatologie als eigenständiges Fach abzuzeichnen. So wurde in Wien im Jahr 1849 der erste Lehrstuhl für Dermatologie im deutschsprachigen Raum gegründet. Zu dieser Zeit hatte Dr. Anton Elfinger (1821-1864), der als Arzt und auch als medizinischer Illustrator an der Klinik des Dermatologen Ferdinand von Hebra (1816-1880) tätig war, neben zahlreichen dermatologischen Zeichnungen erste Moulagen gefertigt. Noch vor dem Ersten Internationalen Kongreß für Dermatologie 1889 in Paris, der Moulagen zum internationalen Durchbruch verhalf, hatte sich auch in Wien eine eigenständige Moulagen-kunst mit Dr. Carl Henning (1860-1917) herauszubilden begonnen. Die Etablierung der Dermatologie in Deutschland als eigenständiges Fach begann erst gegen Ende des letzten Jahrhunderts. Parallel dazu entstanden an vielen deutschen Hautkliniken Moulagensammlungen, die auf diese Weise den Fortschritt auf diesem Gebiet widerspie-gelten. Durch die Ausbildung an der Breslauer Universitäts- Hautklinik, die zu Ende des letzten Jahr-hunderts zu den Zentren der deutschsprachigen Dermatologie zählte und eine eigene umfang-reiche Sammlung besaß, und durch seinen akademischen Lehrer, der die Moulagenkunst sehr schätzte und pflegte, war Professor Klingmüllers großes Interesse an Moulagen nachzuvoll-ziehen. In dieser Blütezeit der deutschen Dermatologie als eigenes Fach waren die Bestreb-ungen nach Lehre und Dokumentation ein wichtiges Ziel, zu dem die Moulagen einen großen Beitrag leisteten.

Abb. 10: Prof. Viktor Klingmüller

5 Die Kieler Moulagensammlung im Vergleich mit anderen Sammlungen in Europa:

Mit insgesamt 455 Moulagen gehört die Kieler Moulagensammlung zu den umfangreicheren Sammlungen, die in Europa heute noch existieren. Im Gegensatz zu anderen Sammlungen, die über Jahrzehnte hinweg unter verschiedenen Ordinarien erweitert wurden, geht sie nur auf einen Sammler, Professor Klingmüller, zurück. Die Kieler Sammlung, geprägt von dem Breslauer Moulageur Alfons Kröner, besitzt mit 354 seiner Moulagen den heute größten noch existierenden Anteil in Europa. Durch den Ankauf von Moulagen anderer, nicht in Kiel ansässiger Moulageure und durch hauseigene Produktion wurde die Sammlung in Klingmüllers Amtszeit drei Jahrzehnte lang weiter vervollständigt und vergrößert. Ihr Spektrum umfaßt die gesamte Dermatologie. Neben Darstellungen von Geschlechts-krankheiten und Mykobakteriosen existieren Wachsmodelle von benignen und malignen Tu-moren, die angesichts ihrer Ausprägung fast erschrecken lassen. Die heute erhaltene Häufig-keitsverteilung der einzelnen Krankheiten stimmt gut mit den epidemiologischen Gegeben-heiten Anfang dieses Jahrhunderts überein. Sowohl Geschlechtskrankheiten als auch Myko-bakteriosen hatten eine viel stärkere medizinische und gesellschaftliche Bedeutung als heute, da die Krankheitsbilder viel verbreiteter und wirksame antibiotische Behandlungsmöglich-keiten nicht verfügbar waren. Der Zustand der Kieler Moulagensammlung ist abgesehen von wenigen Ausnahmen, die massiv beschädigt sind, ausgesprochen gut. Die Wachsmodelle der lokalen Moulageure aus Kiel halten den Vergleich mit denen Alfons Kröners ohne weiteres stand, insbesondere diejenigen Olga Harloffs. Sie haben nichts von ihrer Lebendigkeit und Ausdrucksstärke verloren und beeindrucken auch heute noch ihren Betrachter. Die meisten Wachsmodelle sind zum großen Teil noch ursprünglich belassen worden, das heißt, sie tragen noch das Original-etikett, was aus medizinhistorischer Sicht bedeutsam ist. Ursprünglich auch zur Befunddokumentation verwandt, finden die Kieler Moulagen heute nur noch als Lehrmittel Verwendung. Durch ihre Hängung im Hörsaalrundgang, vom Tageslicht abgeschirmt, sind sie den Studenten zum Eigenstudium zugänglich und werden auch tat-sächlich genutzt. In den aktiven Unterricht werden sie jedoch kaum noch eingebunden.

Besichtigungen der Moulagensammlungen in Breslau, Dresden, Wien, Zürich, Freiburg und Paris ermöglichten einen Vergleich der Kieler Sammlung mit anderen Moulagensamm-lungen und ihre Einordnung innerhalb Europas. Moulagen in den einzelnen europäischen Sammlungen dienten vielfältigen Verwendungszwecken. Bis in die 40er Jahre dieses Jahr-hunderts wurden an vielen Hautkliniken, so auch in Kiel, Sammlungen aufgebaut, wo die Wachsmodelle für den dermatologischen Unterricht und für die medizinischer Dokumen-tation ausgiebig genutzt wurden. Desweiteren wurde sich die plastische Eindrücklichkeit der Moulage in der Gesundheitsaufklärung zunutze gemacht. Vor allem in Dresden wurde dieser Effekt bewußt eingesetzt. Als realistisches Schauobjekt steht die Moulage von jeher der Welt des Panoptikums nahe. Die realitätsnahe, dreidimensionale Darstellung ruft heute wie damals in dem Betrachter Anziehungskraft und Abscheu in gleichem Maße hervor. Einzelne Sammlungen, wie Zürich oder Dresden, können auf eine langjährige, kontinuier-liche Moulagentradition zurückblicken. Bei einigen Sammlungen, wie auch Kiel, wurde ihr Bestand neben Arbeiten von lokalen zusätzlich durch Wachsmodelle von externen Moula-geure erweitert, während für andere Sammlungen, wie Paris, die Moulagen nur durch lokale Moulageure gefertigt wurden. Die Schicksale der einzelnen Moulagensammlungen sind viel-fältig und reichen von Vernichtung, über unsachgemäße Lagerung in Kellerräumen bis zur vollständigen Ausstellung der Sammlung in geeigneten Vitrinen. Glücklicherweise wurde das wieder erwachte vorwiegend medizinhistorische Interesse an Moulagen in den letzten Jahren an vielen Hautkliniken in Europa zum Anlaß genommen, noch verbliebene Bestände zu sichten und Sammlungen neu zu archivieren und zu ordnen.

5.1 Kiel und Breslau:

Insgesamt steht die Kieler Sammlung in sehr engem Bezug zu Breslau, da eine große Anzahl der Moulagen von dort stammt. Professor Klingmüller brachte offensichtlich einen Teil der Moulagen nach seinem Wechsel von Breslau zu seinem Amtsantritt im Jahr 1906 mit nach Kiel. Angeregt durch die Moulagenprodukton in Paris von Jules Baretta hatte Professor Neisser seit 1890 zuerst mit dem Moulageur Paul Berliner, ab 1897 dann mit Alfons Kröner eine um-fangreiche Sammlung aufgebaut. 1911 zählte sie bereits über 100 Exponate. Parallel dazu entwickelte sich die Dermatologische Universitätsklinik in Breslau zu dem damaligen Zeitpunkt unter Professor Neisser zu einem wichtigen Zentrum der deutschsprachigen Derma-tologie. Da viele Ärzte, unter anderem auch Victor Klingmüller, um die Jahrhundertwende zur Weiterbildung an seine Klinik kamen und Moulagen schätzen lernten, gab die Moulagen-sammlung den Anstoß für die Entstehung vieler anderer Sammlungen in Deutschland. Bres-lau kommt damit für den deutschen Raum eine wesentliche Schlüsselfunktion zu. Die derzeit erhaltene Kieler Sammlung umfaßt mit 354 Moulagen mehr Wachsmodelle von Alfons Kröner als die heute noch bestehende Sammlung in Breslau. Von seinen insgesamt ursprünglich 2700 Moulagen sind in Breslau noch 313 erhalten. Zusätzlich finden sich 8 Moulagen aus dem Berliner Panoptikum mit Lepradarstellungen in der Sammlung. Sie ist in Glasvitrinen in einem Hörsaal untergebracht, wo sie stark dem Tageslicht ausgesetzt sind. Die Moulagen werden auch heute noch im Unterricht eingesetzt, um den Studenten seltene oder nicht mehr existente Krankheitsbilder nahe zu bringen. Die heutigen Schwerpunkte der Breslauer Sammlung liegen vor allem bei der Tuberkulose, den exanthematischen Erkrankungen und Mykosen. Geschlechtskrankheiten sind anteilig nicht so häufig vertreten wie in der Kieler Sammlung. Da der größte Teil der Breslauer Moulagen nicht mehr existiert, kann allerdings vermutet werden, daß die Schwerpunkte der Sammlung angesichts Neissers gut dokumentierten Interesses an Geschlechtskrankheiten Anfang dieses Jahrhunderts anders verteilt waren. Bei den Moulagen in Breslau sind die ursprünglichen Diagnoseschilder und die alten Archi-vierungsnummern aus Neissers Zeit durch neuere Ziffern und aktualisierte Diagnoseetiketten ersetzt worden. . Dadurch ist ein medizinhistorisch interessanter Aspekt nicht mehr erhalten wie in Kiel, wo der ursprüngliche Zustand weiterbesteht. Einige identische Moulagen von Alfons Kröner sind sowohl in Breslau und als auch in Kiel vorhanden. Anhand der "Atlanten für Hautkrankheiten" von Ernst Jacobi , in dem die Her-kunft aller abgebildeten Moulagen angegeben ist, läßt sich feststellen, daß manche Moulagen, die früher in Breslau existierten, heute nur noch in Kiel vorhanden sind. Ob es sich dabei um das Original oder die Kopie handelt, ist heute nicht mehr nachzuvollziehen. Vergleiche in Bezug auf Qualität und Zustand der Moulagen von Alfons Kröner in Breslau und Kiel lassen keinerlei Unterschiede feststellen. In Breslau beeindrucken einige seiner Moulagen vor allem durch ausgeprägte Karzinomdarstellungen, die heute in dieser Ausprä-gung nicht mehr zu sehen sind.

5.2 Kiel und Freiburg:

Die beiden Sammlungen weisen sehr viele Gemeinsamkeiten auf. Sie wurden im Abstand von wenigen Jahren begründet. Ernst Jacobi (1862-1915) war vor seinem Amtsantritt in Freiburg zwei Jahre als Volontär an der Universitäts- Hautklinik in Breslau bei Professor Neisser tätig gewesen. Nach seiner Ernennung 1899 zum ersten Direktor der Universitäts- Hautklinik in Freiburg baute er eine eigene Moulagensammlung auf. Berühmt wurden seine "Atlanten der Hautkrankheiten" (Erstauflage 1903) , die Moulagen vor allem von Alfons Kröner, aber auch anderen Moulageuren zeigen. Die Arbeiten der besten zeitgenössischen Moulageure wurden in diesem damals sehr beliebten Atlas und Lehr-buch zusammengetragen. Es wurde in fünf Sprachen übersetzt und erfuhr 1942 seine letzte Auflage. Aufgrund der Atlanten läßt sich feststellen, daß identische Moulagen von Alfons Kröner in Kiel und in Freiburg vorhanden sind. Wie bei den Breslauer Moulagen muß offen-bleiben, welche das Original oder beide Wachsmodelle Duplikate darstellen. Weitere international bekannte Moulageure, die für beide Sammlungen fertigten, sind Fritz Kolbow und Sergej Fiwejskj. In Freiburg sind nur noch 38 Moulagen von Alfons Kröner, dafür aber 21 Wachsmodelle von Fritz Kolbow erhalten. Vor allem arbeiteten auch lokale Moulageure wie Theodor Johnson (Lebensdaten unbekannt), Otto Vogelbacher (gest. 1936), von dem sich Moulagen auch noch in Tübingen und Würzburg finden, sowie Theodor Niehues (1896-1981) für die Freiburger Sammlung. Freiburg kann damit auf eine langjährige Moulagentradition zurückblicken. Sowohl Vogel-bacher als auch Johnson wurden vermutlich von Jacobi in die Moulagentechnik einge-führt. Auch Niehues, der zusätzlich als Fotograf tätig war, wurde in das Werksgeheimnis eingeweiht. Während in Kiel Professor Klingmüller jahrelang darum kämpfen mußte, seinen Lehrstuhl als planmäßiges Ordinariat anerkennen zu lassen , gab es für Ernst Jacobi, der bereits 1902 zum "etatmäßigen außerordentlichen Professor der Dermatologie" ernannt worden war , in Freiburg derartige Probleme nicht. In Kiel erreichte die Universitäts- Hautklinik demnach erst relativ spät ihre Eigenständigkeit, weshalb man bei den Vergleichen der beiden Sammlungen von unterschiedlichen Ausgangssituationen ausgehen muß. Der Nachfolger Ernst Jacobis, Georg Alexander Rost (1877-1970), hatte zunächst als Ange-höriger der ehemaligen Kaiserlichen Marine unter Ernst von Dühring und Viktor Kling-müller an der Universitäts- Hautklinik in Kiel einige Zeit als freier Mitarbeiter gearbeitet . Er war ein großer Förderer der Moulagenkunst, ebenso wie sein Nachfolger Alfred Stühmer (1885-1957), der noch bei Neisser in Breslau ausgebildet worden war. Stühmer bemühte sich auf der "Tagung für dermatologische Bildkunst" im Jahr 1956 vergeblich, der Moulagenkunst zu einer "Renaissance" zu verhelfen , jedoch ohne nachhaltiges Echo. Im Gegensatz zu Kiel, wo die Moulagensammlung nur auf einen Ordinarius zurückgeht, förderten in Freiburg konsequent mehrere Ordinarien in Folge die Sammlung bis in die fünf-ziger Jahre und sicherten dadurch Kontinuität und Zusammenhalt der Sammlung. Während die Moulagenproduktion in Kiel nach dem Zweiten Weltkrieg zum endgültigen Stillstand kam, sind die letzten Moulagen aus Freiburg auf das Jahr 1957 datiert. In dieser Zeit erreichte die Freiburger Sammlung mit 1200 Moulagen ihre größte Ausdehnung. Während einer Umbauphase in den 60er Jahren wurde die Sammlung aus Platzgründen auf die heutigen 850 Wachsmodelle reduziert, die der Öffentlichkeit nicht zugänglich sind. Wie auch in Kiel sind in der Freiburger Sammlung ein wichtiger thematischer Schwerpunkt Geschlechts-krankheiten, vor allem die Syphilis.

5.3 Kiel und Dresden:

In Dresden existierten im Gegensatz zu Kiel zwei parallele Sammlungsansätze. Vor 1945 sind Moulagensammlungen sowohl bei frei praktizierenden Dermatologen wie bei Eugen Galew-sky (1864-1935), als auch in Kliniken nachweisbar. Die meisten Sammlungen wurden zer-stört oder sind nur noch in Fragmenten vorhanden. Die Sammlung der Friedrichstädter Hautklinik wurde von Johannes Werther (1865-1936) ab 1903 aufgebaut. Hier existieren von ursprünglich 360 Moulagen heute nur noch 43 Wachs-modelle, die, verglichen mit den Moulagen in Kiel, in schlechtem Zustand sind. Die Mou-lagen stammen sowohl von Fritz Kolbow, als auch der an der Klinik angestellten Moulageurin Frau Kürschner- Ziegfeld (Lebensdaten unbekannt). Weitere Sammlungen bestanden im Säuglingsheim "Dresden- Johannstadt", das von dem Pädiater Arthur Schlossmann (1867-1932) im Jahre 1897 gegründet worden war, sowie an der ehemaligen Frauenklinik Dresden, wo Gerhard Leopold (1911-1946) die Sammlung aufbaute. Beide Sammlungen wurden im Zweiten Weltkrieg vollständig zerstört. Nach der Jahrhundertwende und im Verlauf des Ersten Weltkrieges wurden die sprunghaft angestiegenen Geschlechtskrankheiten zu einem ernsten sozialen Problem. Mit einer Hygie-nekampagne im Rahmen der Gesundheitserziehung sollte die breite Bevölkerung aufgeklärt werden. Durch ihre Plastizität und wirklichkeitsnahe Darstellung bot sich die Moulage zu diesem Zweck an. Der Dresdener Odol- Fabrikant August Lingner (1861-1916) und der Der-matologe Eugen Galewsky (1864-1935) waren ab 1903 die wichtigsten Initiatoren dieser Aufklärungskampagnen. Die "Erste Internationale Hygieneausstellung", die mit mehreren Millionen Besuchern ein großer Erfolg wurde, fand 1911 in Dresden statt. Neben der Ausdrucksstärke der Moulagen sollten auch die abschreckende und furchterregen-de Darstellung von Geschlechtskrankheiten wirken. Grusel und Schauer waren erwünscht, um die erzieherische Wirkung zu erzielen. Im Gegensatz zu Kliniksammlungen, die mit Moula-gen als Lehrmittel und zu Dokumentationsgründen einem wissenschaftlich akademischen Zweck folgten, sollte mit diesen Ausstellungen die breite Öffentlichkeit angesprochen wer-den. Eine wichtige Rolle spielt die Moulagensammlung des Deutschen- Hygiene- Museum, das im Jahr 1912 unter dem Namen "National- Hygiene- Museum" gegründet worden war. Ange-gliedert war eine Produktionsstätte für medizinische Lehrmittel, das Pathoplastische Institut. An dessen Aufbau hatte Fritz Kolbow, der auch für die Kieler Sammlung fertigte, wesent-lichen Anteil. Während die Moulagensammlung der Universitäts- Hautklinik Kiel vornehmlich zur eigenen Befunddokumentation und als Lehrmittel innerhalb dieser Klinik diente, hatte sich das Dres-dener Institut auf die Reproduktion und den Verkauf von Moulagen spezialisiert. Die Auswahl der Abformungen geschah oft themenbezogen auf bestimmte Ausstellungsvorhaben. Das technische Vorgehen in Moulagenwerkstätten unterschied sich nach dem Ersten Welt-krieg von dem an Kliniken tätiger Moulageure. Die Abformungen wurden von der Moula-geurin Ella Lippmann (1892-1967), einer Schülerin Fritz Kolbows, selbst vorgenommen. Danach übernahmen jedoch in der Moulagenwerkstatt Mitarbeiter das Gießen, Retuschieren und Bemalen, die den ursprünglichen Krankheitsbefund nie gesehen hatten. In Kliniken hingegen wurden die Wachsabdrucke möglichst originalgetreu am Patienten bemalt. So war es möglich, große Stückzahlen an Moulagen, z. B. als Unterrichtsmaterial in die ganze Welt zu liefern. Zusätzlich dienten Moulagen als Demonstrationsobjekt auf verschiedenen Aus-stellungen, so z.B. auf der "GeSoLei" (Ausstellung für Gesundheitspflege, Sozialfürsorge und Leibesübungen) in Düsseldorf im Jahre 1925. In der Bombennacht vom 13. Februar 1945 wurden ein großer Teil der bis dahin bestehenden Moulagensammlung und die meisten Gipsnegative zerstört. Ella Lippmann und ihrer Schü-lerin Elfriede Walther (geb. 1919) haben in der Nachkriegszeit einen großen Teil der Sammlung anhand alter Formen und neuer Abformungen am Patienten wieder aufgebaut. Zu Beginn der 50er Jahre erlebte die Moulagenkunst am Deutschen- Hygiene- Museum einen erneuten, wenn auch kurzen Aufschwung. Da in den folgenden Jahrzehnten die Moulagen-produktion aufgrund fehlender Aufträge weiter zurückging, wurde sie schließlich Ende der 80er Jahre ganz eingestellt. Heute wird die verbliebene Sammlung vor allem museal aufbereitet. Die ursprüngliche Werkstatt dient als Sammlungsdepot. Die Moulagen in Kiel sind zumeist in besserem Zustand als die Dresdener Moulagen-sammlung. In Dresden existieren heute jedoch noch ungefähr 3000 Moulagen, daneben auch unzählige Gipspositive. In Dresden schlug die Moulagenentwicklung einen eigenen Weg ein. Die Moulage diente vornehmlich als Lehrmittel zur medizinischen Aufklärung von Laien und wurde im Rahmen der Gesundheitserziehung eingesetzt. In Kiel hingegen wurden Moulagen zu dem Zweck gefertigt, um Krankheitsverläufe, Therapieerfolge oder seltene Krankheitsfälle zu dokumen-tierten. Desweiteren fanden sie auch als Lehrmittel für Studenten Verwendung, da nicht alle Krankheitsbilder ständig demonstriert werden konnten.

5.4 Kiel und Zürich:

Die Zürcher Moulagensammlung wurde von Bruno Bloch (1883-1933), der das im Jahre 1916 neugeschaffene Ordinariat antrat, ins Leben gerufen. Während seiner Ausbildung in Paris, Berlin und Wien hatte er die dortigen Sammlungen kennen und schätzen gelernt. Lotte Volger (1883-1956) begründete als erste lokale Moulageurin mit ihren Arbeiten im Jahr 1918 die Zürcher Moulagensammlung. Sie war Schülerin von Fritz Kolbow an der Lesser `schen Klinik in Berlin. Ob sie zusätzlich noch eine andere Ausbildung erhalten hat, ist nicht bekannt. Lotte Volger gab die Moulagentechnik an ihre Schüler, die weiteren Moulageure der Sammlung weiter. Damit blieb in Zürich die Moulagierkunst nach der Methode Fritz Kol-bows in ungebrochener Tradition erhalten. Lotte Volger fertigte nicht nur für die dermato-logische Klinik Moulagen, sondern belieferte auch das lokale Kinderspital und die Frauen-klinik. Der von Lotte Volger als Moulageur ausgebildete Maler Adolf Fleischmann (1892-1968) fertigte vornehmlich chirurgische Moulagen zwischen den Jahren 1918 und 1927. Es existie-ren ca. 500 Exemplare, die heute eine Rarität darstellen, da chirurgische Moulagen in Europa sonst nur in Paris vorhanden sind. Fleischmanns histologische Zeichnungen, von denen einige im Moulagenmuseum der Universität Zürich ausgestellt sind, haben noch heute hohen wis-senschaftlichen Wert. Auch unter Blochs Nachfolger Guido Miescher (1887-1961) wurde die Moulagenkunst weiter gefördert und die Sammlung ausgebaut. Bis 1948 waren 1100 Moulagen entstanden. Im Jahr 1949 zog sich Lotte Volger aus Altersgründen zurück. Ihre Nachfolge trat 1950 ihre Schülerin Ruth Beutl- Willi (Lebensdaten unbekannt) an. Sie arbeitete für die Zürcher Der-matologie bis 1956. Noch im selben Jahr konnte eine weitere Schülerin Volgers, Elsbeth Stoiber (geb. 1919), für die Zürcher Dermatologie verpflichtet werden. Sie hatte zuvor in Tübingen und Stuttgart, unter anderem in der forensischen Medizin, als Moulageurin gear-beitet. Die Moulagensammlung in Zürich wird bis heute von ihr als Konservatorin und Restauratorin betreut. Hans Storck, der Nachfolger Mieschers ab 1958, legte ebenso wie seine Vorgänger Wert darauf, die Moulagensammlung zu vergrößern und zu pflegen. Frau Stoiber beschäftigte sich ab Ende der 60er Jahre vermehrt mit der Epithesenfertigung. Schon Mitte der 20er Jahre hatte sich Lotte Volger, wie der Moulageur Dr. Carl Henning aus Wien zehn Jahre zuvor, mit Gesichtsepithesen für Patienten mit entstellenden Defekten im Kopf- oder Halsbereich beschäftigt. Damit wird auch eine unmittelbar praktische quasi "therapeutische" Nutzung der Wachskunst deutlich, die einige Moulageure verfolgten. Dieser verdankte sie andererseits einen nicht unerheblichen Verdienstzuwachs, da der Bedarf an Epithesen zu der damaligen Zeit groß war. Stark entstellende Hauterkrankungen oder Ge-sichtsdeformitäten infolge von Kriegsverletzungen waren damals weit verbreitet. Frau Stoiber ist es aufgrund von Öffentlichkeitsarbeit und verschiedener Ausstellungen zu verdanken, daß die Moulagenkunst in den 80er Jahren wieder bekannt wurde. Insbesondere ist die Ausstellung im Jahr 1979 über "Wachsbildnerei in der Medizin" im Medizinhisto-rischen Museum der Universität Zürich zu erwähnen, wo sie in einer Tonbildschau erst-mals die Moulagentechnik und die Fertigung einer Moulage der breiten Öffentlichkeit zu-gänglich machte. Die Zürcher Sammlung umfaßt heute 1200 dermatologische und 500 chirurgische Moulagen. Sie repräsentiert wie die Kieler Sammlung das gesamte dermatologische Spektrum. Zusätz-lich existieren Moulagen, die Folgen der Röntgentherapie darstellen. Wachsmodelle von Tropenkrankheiten, wie sie Frau Stoiber während ihrer Reisen nach Indien in den Jahren 1954/55 und 1963/64 fertigte, sowie Operationspräparate aus Wachs, finden sich in der Kieler Sammlung nicht. Heute existieren in Zürich zwei Sammlungen. Die sogenannte A- Sammlung besteht aus 467 Moulagen mit praktischem Lehrwert für Studenten, während die 620 Moulagen der soge-nannten B- Sammlung vorwiegend von fachärztlichem und medizinhistorischem Interesse sind. In den 70er und 80er Jahren wurde der Universität ein Neubau zugebilligt, in dem man heute einen Teil der zahlreichen Moulagen bewundern kann und der auch der Öffentlichkeit zugänglich ist. Seit 1998 wird Dr. Michael Geiges, Arzt an der Dermatologischen Klinik, von Frau Stoiber eingearbeitet. Damit ist das Fortbestehen der Sammlung gesichert. Im Gegensatz zu der Kieler Sammlung wurde die Zürcher Sammlung ununterbrochen von einer fachlich erfahrenen Moulageurin betreut. Obwohl Sammlungen in Paris oder Wien zah-lenmässig wesentlich umfangreicher sind, gehört die Zürcher Sammlung wohl zu den best-erhaltenen. Großen Anteil daran hatten nicht nur alle bisherigen Lehrstuhlinhaber der Zürcher Dermatologie, sondern vor allem die Moulageure, die für diese Sammlung fertigten und sie betreuten. Eine weitere Besonderheit der Zürcher Moulagenkollektion ist, daß sie fast ausschließlich aus lokal angefertigten Moulagen besteht. Nur einige wenige Moulagen wurden z. B. aus Freiburg oder aus Wien angekauft. Damit ist die Tradition der Zürcher Moulagenkunst einmalig. Die Vorteile zeigen sich in einer ununterbrochenen Weitergabe des Moulagierverfahrens, was die kontinuierliche Bestandssicherung der Moulagen bis heute ermöglicht.

5.5 Kiel und Paris:

Die wesentlichen Anstöße für die Verbreitung der Moulagenkunst und ihrer Entwicklung gingen von Frankreich aus. Das Pariser Hôpital St. Louis wurde Mitte des letzten Jahrhun-derts mit etwa 600 Betten zu einem bedeutenden Zentrum der französischen und euro-päischen Dermatologie, dessen Stellung sich bis ins 20. Jahrhundert hinein hielt. Die Persönlichkeit, die an dieser Entwicklung großen Anteil hatte, ist Jean Louis Alibert (1768-1837). Er bevorzugte das direkte, klinische Studium am Krankenbett und galt als hervor-ragender Lehrer und Dermatologe. Der Dermatologe Charles Lailler (1828-1898) hatte Ende der 60er Jahre des letzten Jahr-hunderts die Leitung des Pathologischen Museums des Hôpital St. Louis übernommen. Ab 1865 hatte der Korse Pierre Jules Francois Baretta (1834-1923) diese Sammlung mit seinen Moulagen erweitert. Bevor er von dem Krankenhaus einen Vertrag als Moulageur erhielt, hatte er sich seinen Lebensunterhalt mit naturgetreuen Fruchtimitaten aus Pappmache ver-dient. Im Jahr 1885 gelangte die inzwischen auf 2000 Exemplare angewachsene Sammlung, ätio-logisch geordnet und in Glasvitrinen aufgestellt, an ihren heutigen Standort in den Versamm-lungsraum, wo die Wachsmodelle auf zwei Etagen die einzige Raumdekoration darstellen. Jules Barettas Moulagen wurden während des 1. Internationalen Kongresses für Dermatologie und Syphilologie in Paris im Jahr 1889 von den führenden Dermatologen dieser Zeit sehr bewundert und gaben den wesentlichen Anstoß zu Gründungen weiterer dermatologischen Moulagensammlungen in Europa . Seine Kunst wurde damit weit über die Grenzen Frank-reichs hinaus bekannt. Baretta fertigte Moulagen für zahlreiche Sammlungen in Europa und schuf bis zu seinem Tode insgesamt 2000 Moulagen. Nach derzeitigem Wissenstand nahm er weder Schüler an, noch gab er seine Wachszusammensetzung bekannt. Die Wachsmoulagen im Museum St. Louis in Paris bilden die weltweit größte und bedeu-tendste Kollektion mit heute mehr als 4000 Stücken. Neben den Moulagen Jules Barettas finden sich in Paris Modelle von Moulageuren namens Jumelin (Lebensdaten unbekannt), Louis Niclets (1867- 1924) und Stephane Littre (Lebensdaten unbekannt). Bis in die 50er Jahre wurden noch Moulagen hergestellt. Im Gegensatz zur Kieler Sammlung existieren neben dermatologischen Moulagen auch chirurgischen und gynäkologische Modelle. Kiel scheint keinerlei Beziehungen zu Paris gepflegt zu haben, da keine Moulagen aus Paris in der Sammlung existieren. Es besteht allerdings auch die Möglichkeit, daß ursprünglich vorhandene Moulagen aus Paris während des Zweiten Weltkrieges zerstört wurden. Die im Ausstellungskatalog des 17.Weltkongresses in Berlin 1987 gezeigte Moulage von Jules Baretta (Leukoplakia linguae) befindet sich nicht im Besitz der Kieler Hautklinik. Den Vergleich mit dieser bedeutenden Sammlung hält die Kieler Sammlung zahlenmäßig nicht stand, steht ihr jedoch hinsichtlich der Qualität und des Zustandes der meisten Moulagen nicht nach.

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