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DIE MOULAGENSAMMLUNG DER DERMATOLOGISCHEN UNIVERSIT�TSKLINIK KIEL

 

Inauguraldissertation

zur

Erlangung der Doktorw�rde

der Medizinischen Fakult�t

der Christian- Albrechts- Universit�t zu Kiel

vorgelegt von

UTA EULER

aus Herne

Kiel 2000

 

1. Einleitung:

Moulagen (von frz. mouler - abformen) sind naturgetreue, dreidimensionale Wachsmodelle pathologisch ver�nderter K�rperregionen. Sie beruhen auf dem unmittelbaren Gipsabdruck am Patienten, der mit einer Wachsmischung ausgegossen und nach dem Originalbefund koloriert wird. Ihre Fertigung geht auf Prinzipien zur�ck, die bereits die anthropomorphe Wachsplastik der Antike entwickelte. Als direkter Vorl�ufer der Moulage ist die Anatomia plastica zu nennen, die ihren H�hepunkt im 18. Jahrhundert erreichte. Die eigentliche europ�ische Moulagenkunst erlebte ihre Bl�tezeit zwischen den Jahren 1880 und 1940 und fand ihre gr��te Verbreitung in der Dermatologie und Venerologie. Den wesentlichen Ansto� zu dieser Entwicklung gab der 1. Internationale Kongre� f�r Dermatologie und Syphilologie im August 1889 in Paris, auf dem Jules Pierre Francois Baretta (1834- 1923) mit seinen Moulagen gro�e Begeisterung bei den anwesenden Dermatologen aus ganz Europa hervorrief. Zu Beginn dieses Jahrhunderts wurden in vielen europ�ischen Hautkliniken, so auch in Kiel, umfangreiche Moulagensammlungen zusammengetragen, von denen nur noch wenige in vollem Umfang erhalten sind. Einzelne Kliniken besch�ftigten lokale Moulageure, die Krankheitsbilder direkt am Krankenbett abformten, oder sie bestellten Moulagen bei bekannten Lehrmittellieferanten und vergr��erten auf diese Weise ihre Sammlungen. Moulagen dienten vor allem als Lehr- und Studienmittel sowie zur Befunddokumentation. Aber auch in der breitenwirksamen Gesundheitsaufkl�rung und während der Deutschen Hygienebewegung zu Beginn dieses Jahrhunderts fanden sie gezielt Verwendung. So machte man sich die wirklichkeitsnahe Darstellung und die abschreckende Wirkung der Moulagen in Ausstellungen zunutze, um z.B. der Bev�lkerung die Folgen der damals sehr verbreiteten Geschlechtskrankheiten nahezubringen. Viele Sammlungen wurden ganz oder teilweise im Zweiten Weltkrieg zerst�rt. In der Folge verloren die Moulagen durch die sich immer st�rker durchsetzenden modernen Medien wie Fotografie und Film an Bedeutung. Einige der noch verbliebenen Sammlungen verschwanden in Kellern oder wurden vernichtet. Ein letzter ernsthafter Versuch, die Moulagenkunst vor dem Untergang zu retten, erfolgte durch Alfred St�hmer (1885-1957), dem damaligen Ordinarius der Universit�ts- Hautklinik Freiburg, bei der "Tagung f�r Dermatologische Bildkunst" in Freiburg im Jahr 1956. Danach gerieten die Moulagen jedoch in Vergessenheit.

Erst in den letzen Jahren ist vorwiegend medizinhistorisches Interesse an diesem Thema erwacht, da Moulagen neben allt�glichen auch heute sehr seltene oder heute gar nicht mehr vorkommende Krankheitsbilder dokumentieren. Viele Moulagensammlungen an verschiedenen Hautkliniken erlebten eine Renaissance. Vielerorts wurden Best�nde gesichtet, Samm-lungen neu archiviert und neu geordnet, wie z. B. an der Universit�ts- Hautklinik Freiburg. Eine Reihe von Ausstellungen, wie z.B. die "Wachsbildnerei in der Medizin" im Jahr 1979 in Z�rich, machten die Moulage �ber medizinische Kreise hinaus bekannt. Auch in der Universit�ts- Hautklinik Kiel besteht eine umfangreiche Moulagensammlung, die Anfang dieses Jahrhunderts zusammengetragen wurde und ihre gr��te zahlenm��ige Aus-dehnung in den drei�iger Jahren erreichte. Die detaillierte Geschichte der Kieler Moulagensammlung ist bisher unbekannt. Es existierte weder eine Archivierung der einzelnen Moula-gen noch eine Aufarbeitung der Sammlung. Ihre Geschichte und Bedeutung soll im Folgenden nachgezeichnet und auf die Moulageure, die mit der Sammlung in Zusammenhang stehen, n�her eingegangen werden. Dabei erwiesen sich die Nachforschungen als sehr schwierig, da aufgrund der v�lligen Zerst�rung der Haut-klinik im Zweiten Weltkrieg keinerlei Unterlagen �ber einzelne Moulagen oder die Sammlung mehr existieren. Desweiteren wird vergleichend versucht, die Besonderheiten der Kieler Sammlung herauszuarbeiten und eine Einordnung und kritische Bewertung innerhalb anderer Sammlungen Europas vorzunehmen.

2 Die Geschichte der Kieler Moulagensammlung:

Die Moulagensammlung der Universit�ts- Hautklinik Kiel umfa�t derzeit 455 dermatologische Moulagen. Sie geht auf Professor Viktor Felix Karl Klingm�ller (1870-1942) zur�ck, der 1906 die Nachfolge von Ernst von D�hring Pascha (1858-1944) antrat. Zuvor war er neun Jahre unter Professor Albert Neisser (1855-1916) an der Dermatologischen Universit�tsklinik Breslau als Oberarzt t�tig gewesen. Neisser hatte dort schon 1890 mit dem Aufbau einer eigenen Moulagensammlung begonnen. Die Nachfolge seines ersten Moulageurs Paul Berliner trat 1897 Alfons Kr�ner (gest. 1937) an. Viele der Arbeiten Kr�ners fanden durch Schenkungen Neissers oder Verkauf ihren Weg in andere Moulagensammlungen. Die von Klingm�ller aus Breslau mitgebrachten Moulagen Kr�ners, deren genaue Zahl heute nicht mehr zu ermitteln ist, bildeten den Grundstock der heutigen Sammlung. In den folgenden Jahren scheint der Kontakt zwischen den Kliniken Kiel und Breslau weiter aufrecht erhalten worden zu sein, da 35 Moulagen aus den Jahren 1907 und 1908 stammen. Insgesamt sind noch 354 Arbeiten von Alfons Kr�ner in Kiel erhalten. Die beiden Moulagen von Fritz Kolbow, mit denen die Kieler Sammlung weiter vergr��ert wurde, lassen sich zeitlich nicht einordnen. Kolbow arbeitete ab 1900 f�r die Klinik von Edmund Lesser (1852-1918) in Berlin, bevor er 1910 an das Pathoplastische Institut nach Dresden ging. Nach dem Ersten Weltkrieg war er wieder in Berlin t�tig. Ab dem Jahr 1912 war die damalige Laborgehilfin der Kieler Hautklinik Frau Olga Harloff (geb. 1887) f�r die Fertigung der Moulagen zust�ndig. Sie arbeitete nachweislich von 1912 bis 1916 f�r die Kieler Hautklinik, wie sich anhand der Datierung und Beschriftung ihrer gefertigten Moulagen nachvollziehen l��t. Es sind noch 25 Moulagen im Besitz der Hautklinik, von denen drei ein Etikett aus Breslau tragen. Ob Frau Harloff jemals Breslau besuchte, wann und in welcher Funktion oder T�tigkeit und wo sie das Moulagieren gelernt hat, l��t sich nicht belegen. In welchem Umfang die Moulagenproduktion der Moulageurin Harloff in den Jahren, in denen sie f�r die Klinik arbeitete, die Kieler Sammlung vergr��erte, kann nicht mehr nachvollzogen werden. Leider existieren auch keine Unterlagen mehr, die die genaue Anzahl der Moulagen in der Sammlung zu diesem Zeitpunkt dokumentieren.

Aus der Zeit vor dem Ersten Weltkrieg stammt auch die einzige Moulage von Sergej Fiwej-skij (1855-1934). Er arbeitete als Moulageur f�r die Dermatologische Universit�tsklinik in Moskau. Die Moulage ist auf 1913 datiert. In den Jahren unmittelbar nach dem Ersten Weltkrieg ist in Kiel keine Sammlungsaktivit�t oder Moulagenproduktion nachweisbar. Im Jahr 1921 umfa�te die Sammlung schon mehrere hundert Moulagen. Die n�chsten Moulagen datieren erst aus den Jahren 1927 und 1928. Die aus dieser Zeit stammenden 13 Arbeiten wurden von dem zoologischen Pr�parator Ernst Saalborn auf freiberuflicher Basis gefertigt. Im Jahre 1928 wechselte er als Rundfunktechniker zum Norddeutschen Rundfunk und beendete seine Moulageurt�tigkeit. Die Moulagensammlung zog 1930 in die neu umgebaute Hautklinik an der Hospitalstra�e um. In diesem Zusammenhang wird in einer Tagesnotiz des Zentralblattes f�r Haut- und Geschlechtskrankheiten auch die Moulagensammlung erw�hnt: "Ein Musterwerk technischer Ausf�hrung sind die Moulagenschr�nke, die nur aus Glas in Metallfassung bestehen und staubsicher und lichtgesch�tzt sind." 1931 gelangten noch einmal 8 Moulagen von Alfons Kr�ner nach Kiel. In den Jahren 1932 bis 1935 wurde die Sammlung, vermutlich ein letztes Mal, durch Detlef Klein (1879-1962) erweitert. Von ihm sind heute noch 31 Moulagen erhalten. Neben den zuvor erw�hnten Moulagen existieren noch 3 Moulagen von W. Beck und 21 Moulagen von H. E. Becher. Da keine der Moulagen datiert ist und keine biographischen Daten der Moulageure verf�gbar sind, f�llt eine zeitliche Zuordnung schwer. Bei den Moulagen von H. E. Becher scheint es sich teilweise um Kopien zu handeln, da auf mehreren Arbeiten Hinweise zu Originalen in Erlangen und M�nchen gegeben werden. Professor Klingm�ller schied 1937 aus dem Amt. Damit kam offensichtlich auch die Ausdehnung der Sammlung zum Stillstand, da nach dieser Zeit keine Sammlungsaktivit�t mehr nachweisbar ist. Wieviele Moulagen zu dem Zeitpunkt existierten, kann aufgrund fehlender Unterlagen nicht mehr nachvollzogen werden. Einige Autoren gehen von einer damaligen Gesamtzahl von ungef�hr 1000 Moulagen in Kiel aus, wof�r es allerdings keine schriftlichen Beweise gibt. Im Januar und im Mai 1944 wurde die Frauenklinik, in die die Dermatologische Klinik zeitweise umgelagert worden war, durch Bombenangriffe v�llig zerst�rt. Vermutlich wur-den damals s�mtliche Unterlagen zu der Sammlung, wie auch wahrscheinlich ein gro�er Teil der Moulagen selbst, vernichtet. Der noch verbleibende Rest der Sammlung wurde im Jahr 1944 nach Neustadt in Holstein ausgelagert. �ber Schleswig, dem Standort der Klinik un-mittelbar nach dem Krieg, gelangte sie schlie�lich zur�ck in die Hautklinik, die in dem Stadtteil Wik untergebracht war. Im Jahre 1949 restaurierte Ernst Saalborn zusammen mit seinem Sohn Egon sowohl seine eigenen 13 Moulagen, als auch einen Teil der �brigen Wachsmodelle. Danach gerieten die Moulagen in Vergessenheit und lagerten bis 1968 im Keller der damaligen Hautklinik. Bei dem letzten Umzug der Hautklinik 1968 von der Wik in das heutige Geb�ude an der Schittenhelmstra�e gelang es dem damaligen Oberarzt Herrn Dr. Michael Schirren, die Moulagensammlung vor der Vernichtung zu retten. Von diesem Umzug sind noch Listen erhalten, die den Verbleib der Moulagen in 17 Transportkisten dokumentieren. Bis 1975 lagerten die Moulagen erneut in Kellerr�umen der heutigen Hautklinik. Die Sammlung ist seit 1975 im H�rsaalrundgang ausgestellt (Abb. 1) und der �ffentlichkeit zugänglich. Die Moulagen sind in 12 Glasschauk�sten mit jeweils un-gefähr 35 Pr�paraten untergebracht, wo sie dem direkten Tageslicht nicht ausgesetzt sind. Die heutige H�ngung geht auf die damalige Assistenz- und sp�tere Ober�rztin der Klinik Frau Dr. Brigitte Scheuer zur�ck, die versucht hat, die Moulagen nach Krankheitsgruppen zu ordnen.

Abb. 1: Die Kieler Moulagensammlung im H�rsaalrundgang der Universit�ts- Hautklinik

Die Kieler Moulagensammlung wird im Jahr 1921 zum ersten Mal namentlich in einer Brosch�re und nochmals im Jahr 1930 in einer Tagesnotiz des Zentralblattes f�r Haut- und Geschlechtskrankheiten erw�hnt. Erst f�nfzig Jahre sp�ter finden sich die n�chsten dokumentierten Nennungen der Kieler Sammlung in dem Kapitel "Zur Geschichte dermatologischer Moulagen" aus "Zur Geschichte der Deutschen Dermatologie" und in der medizinischen Dissertation von Thomas Schnalke. Anl��lich des 17. Weltkongresses f�r Dermatologie in Berlin 1987 wurden 13 Kieler Moulagen ausgestellt, vornehmlich gefertigt von Alfons Kr�ner, aber auch von Olga Harloff. 11 seiner Moulagen sind in dem dazu erschienenen Katalog abgebildet. Sie zeigen vor allem Leukoplakien und Pemphiguserkrankungen. Die in dem Katalog Kiel zugeordnete Moulage "Leukoplakia linguae" von Jules Baretta befindet sich nicht im Besitz der Kieler Universit�ts-Hautklinik.

2.1 Die Kieler Moulagen:

Die direkt vom betroffenen Körperteil abgeformten Wachsmodelle, eingefaßt mit grob ge-webtem, weißem Leinen mit einer Breite von ca. 1- 2 cm, sind auf schwarzlackierten Holz-platten aufgebracht. Unter der eigentlichen Wachsabbildung ist mit einem Etikett aus Papier die Diagnose angebracht. Das Etikett gibt oft neben der handgeschriebenen Diagnose auch noch die Universitätsklinik an, aus der die Moulage stammt. Die Größe der Wachsmodelle variiert sehr stark. Die größten messen 50 x 50 cm, andere hingegen nur 10 x 9 cm. Meist ist auf dem Holzbrett an der Vorderseite unter der Moulage die handgeschriebene Signatur des Moulageurs in weißen Druckbuchstaben und die Jahreszahl erkennbar. Ernst Saalborn benutzte neben seiner handgeschriebenen Unterschrift auch weiße Stempel. Alfons Kröner und Fritz Kolbow verwendeten zum Teil eigene, weiße Atelierschilder aus Kunststoff, auf denen ihr Name und Adresse bzw. der Herkunftsort vermerkt ist. Je nach Archivierungssystem der einzelnen Moulageure finden sich auf den schwarzen Holz-brettern sowohl handgeschriebene als auch aufgeklebte Zahlen. Diese sind meist auf der Vor-derseite zu finden und je nach Moulageur entweder mit arabischen oder römischen Ziffern gekennzeichnet. Neben den eigenen Archivierungsnummern der Moulageure sind viele Moulagen, unabhängig vom Moulageur, mit einer zusätzlichen Ziffer versehen, die meist an der Vorderseite oben links oder rechts zu finden ist.

Auf einzelnen Moulagen von Alfons Kröner sind die Nummern auf der Rückseite mit Kreide vermerkt. Auffällig ist, daß man auf mehr als der Hälfte der Moulagen Kröners (n =191) auf der Rückseite eine für ihn typische Archivierung findet: Neben der Archivierungsnummer sind genaue Patientendaten wie Name und Alter ebenso vermerkt wie eine detaillierte Befundbeschreibung und der genaue Krankheitsverlauf. Auch auf den Rückseiten der Moulagen von Frau Harloff findet sich häufig der Name des Patienten und dessen Heimatort. Die restlichen Moulageure, die für die Kieler Sammlung gearbeitet haben, geben keine näheren Angaben zum Patienten oder zum Krankheitsverlauf.

2.2 Die Archivierung:

Im Rahmen dieser Dissertation wurden die Moulagen der Kieler Sammlung im Jahr 1996 zu Dokumentationszwecken nach folgenden Kriterien archiviert: Neben den von den einzelnen Moulageuren verwendeten eigenen Inventarnummern wurden die alte Diagnose und die heutige Bezeichnung des Krankheitsbildes, das die Moulage dar-stellt, festgehalten. Auch die genaue Lokalisation des Befundes wurde erfaßt, ebenso wie Material, Größe und Zustand der Moulage. Als weitere wichtige Kriterien wurden der Name des Moulageurs, die Herkunft der Moulage mit Datierung und Besonderheiten, die Moulage betreffend, in die Dokumentation aufgenommen. Ob die Kieler Moulagen in einer vergleich-baren Archivierung schon zu Klingmüllers Zeit dokumentiert wurden, läßt sich heute nicht mehr nachvollziehen, da keine Unterlagen diesbezüglich existieren.

2.3 Der Zustand der Kieler Moulagen:

Der Zustand der einzelnen Moulagen in Kiel variiert sehr stark. Die Einteilung erfolgte in mehreren Kategorien. In der Kategorie "gut" wurden alle Moulagen zusammengefaßt, die keinerlei Absprengungen, Kratzer oder Risse aufwiesen. Die Gruppen "Absprengungen" und

"Kratzer" fassen die oberflächlicheren, kaum sichtbaren Beschädigungen zusammen. In die Gruppe "Risse" fielen alle Moulagen, bei denen sich ein oder mehrere Sprünge, unabhängig von der Größe, fanden. In Kiel existieren 198 Moulagen ohne Beschädigungen. 69 Wachs-modelle weisen lediglich geringe und leichte Schäden auf. Risse oder Sprünge finden sich bei 188 Moulagen, von denen nur einige wenige wirklich schwer beschädigt sind, so daß der Gesamteindruck der Moulage geschmälert wird. Ein Drittel der Wachsmodelle weist eine mäßig bis starke Verschmutzung durch Staub auf. Auch die unterschiedliche Vergilbung einiger Moulagen, dem sogenannten Sterben der Mou-lagen , bei Exponaten von Alfons Kröner und Olga Harloff, beeinträchtigt die wirklich-keitsnahe Darstellung nur wenig. Die Wachsmodelle der übrigen Moulageure weisen diese Vergilbung nicht auf. Die meisten Moulagen der Sammlung haben von ihrer Aussagekraft nichts eingebüßt und weit mehr als die Hälfte der Moulagen ist in gutem Zustand. Dies mag auf den Umstand zurückzuführen sein, daß die Kieler Moulagen Jahrzehnte sicher und staubgeschützt in Kartons aufbewahrt wurden.

2.4 Die Sammlungsschwerpunkte:

Die heutige Sammlung spiegelt die gesamte Dermatologie wider (siehe Tab. 1). Einen we-sentlichen thematischen Schwerpunkt bildet mit 74 Moulagen die Gruppe der Geschlechts-krankheiten, die entsprechend den epidemiologischen Bedingungen Anfang dieses Jahrhun-derts wesentlich häufiger vertreten waren als heutzutage. Von allen Moulageuren außer W. Beck existieren Moulagen zu diesem Gebiet, die allerdings nur die beiden häufigsten Ge-schlechtskrankheiten Syphilis und Gonorrhoe darstellen. Abbildungen anderer Geschlechts-krankheiten existieren in der Kieler Moulagensammlung nicht. Der größte Anteil mit 60 Moulagen stammt von Alfons Kröner. Nur drei seiner Moulagen und eine Moulage von Detlef Klein zeigen Hautveränderungen bei Gonorrhoe, während alle an-deren Moulagen verschiedene Lokalisationen, Ausprägungen und Stadien der Syphilis dar-stellen. Auch erythematöse und exanthematische Hauterkrankungen sind mit 49 Moulagen insgesamt zahlreich vertreten. Dabei überwiegt eindeutig das Krankheitsbild des Lichen ruber

mit 19 Moulagen. Wie bei den Geschlechtskrankheiten hat Alfons Kröner auch hier mit der Fertigung von 32 Moulagen den größten Anteil an dieser Gruppe. Professor Klingmüllers wissenschaftlicher Interessensschwerpunkt, die Mykobakteriosen, sind mit einem großen Anteil in der Sammlung vertreten. Zu diesem Thema existieren 39 Arbeiten. Wieder stammt die überwiegende Mehrzahl mit 31 Moulagen von Alfons Kröner. Die restlichen Moulagen sind Arbeiten von Detlef Klein (5 Moulagen), W. Beck (2 Moula-gen) und H. E. Becher (1 Moulage). Weitaus am häufigsten ist die Tuberkulose dargestellt. Lepradarstellungen sind mit nur 6 Moulagen vertreten. Einen weiteren großen Anteil der Sammlung machen die benignen und malignen Tumoren mit 43 Moulagen aus. Sie demonstrieren in eindrucksvoller Weise Krankheitsverläufe, die in der heutigen Zeit aufgrund frühzeitiger und verbesserter Therapiemöglichkeiten selten ge-worden sind. Auch die Mehrzahl der Moulagen in den übrigen Krankheitsgruppen stammen von Alfons Kröner. Darstellungen von Mykosen und bakteriellen Erkrankungen wurden zu 90% von ihm gefertigt. Die Prurigo- und Ekzemerkrankungen stammen vollständig von ihm. Erkrankungen der ekkrinen Schweißdrüsen, Stoffwechselerkrankungen und Avitaminosen sind durch insge-samt 8 Moulagen nur wenig repräsentiert. 14 Arbeiten sind nicht mit einer Diagnose ausge-zeichnet, lassen sich allerdings diagnostizieren und bestimmten Krankheitsgruppen zuordnen. 5 Moulagen lassen sich keiner Diagnose zuordnen. Anhand der Verteilung der Moulagen in den verschiedenen Krankheitsgruppen lassen sich keine besonderen Vorlieben oder Schwerpunkte bei den anderen Moulageuren nachweisen. Viele Moulagen sind mit alten Krankheitsbezeichnungen ausgezeichnet, die heutzutage nicht mehr gebräuchlich sind und in der gängigen Nomenklatur durch neue Diagnosen ersetzt wur-den. Da die heutige Sammlung nicht mehr vollständig ist, kann man nur Aussagen über die derzeitige Verteilung der Krankheitsbilder machen, die der ursprünglichen nicht unbedingt entsprochen haben muß.

2.5 Sammlungsinterne Einteilung:

Offensichtlich existiert eine sammlungsinterne Einteilung nach Krankheitsgruppen (Tab. 2). Dies läßt sich anhand von alten Ziffern belegen, die, unabhängig vom Moulageur, auf fast allen Moulagen, oben links oder rechts auf der Vorderseite aufgeklebt sind. Da jedoch Unter-lagen zu dieser Einteilung nicht mehr vorhanden sind, ist unklar, wer die Einteilung vornahm und wann sowie nach welchen Kriterien sie entstand. Die Einteilung erfolgte in 24 verschie-dene Gruppen. Bei zehn davon lassen sich keine Gemeinsamkeiten der Moulagen hinsichtlich der dargestellten Krankheitsbilder, ihrer Ausprägung oder der Lokalisation feststellen. Die Ziffern 7 und 9 fehlen völlig. Möglicherweise sind im Krieg Großteile von Arbeiten eines Moulageurs oder ganze Diagnosegruppen je nach Verpackung zerstört worden. Die Diagnose Lues ist in mehreren Gruppen repräsentiert. Teilweise stimmt die Stadienein-teilung der Lues I, II und III mit den Gruppen 14, 15 und 16 überein. Leider trifft diese Einteilung nach unterschiedlichen Krankheitsstadien nicht auf alle Moulagen in den einzel-nen Gruppen zu, so daß sich die Vermutung nicht vollständig belegen läßt. Unabhängig von der übergeordneten sammlungsinternen Einteilung lassen sich bei den Moulagen von verschiedenen Moulageuren eigene Einteilungen festmachen, die im folgen-den besprochen werden.

Alfons Kröner: Alfons Kröner numerierte seine Moulagen mit arabischen Ziffern durch. Teilweise kleben kleine Schilder oben auf der Vorderseite der Arbeiten, teilweise stehen die Nummern mit Kreide auf der Rückseite der Moulage oder wiederholen sich auf der Rückseite bei der ausführlichen Befundbeschreibung, die typisch für viele seiner Moulagen ist. Die Ziffern waren vermutlich auch gleichzeitig Archivierungsnummer, da sie entsprechend der Jahreszahl ansteigen.

Olga Harloff: Bei Olga Harloff findet sich eine chronologische Zählweise mit römischen Ziffern. Alle ihre noch erhaltenen Moulagen sind numeriert und mit Jahreszahlen versehen. Die höchste in Kiel

vorhandene Ziffer ist die LXI. Obwohl noch 25 Moulagen in Kiel erhalten sind, haben daher vermutlich wesentlich mehr Moulagen existiert.

Ernst Saalborn: Ernst Saalborn verwendete Ordnungszahlen (wie z.B.: 1.) bei der Numerierung aller seiner Moulagen. Auch hierbei handelt es sich um eine chronologische Zählweise, da die fortlau-fenden Ziffern zu den dazugehörigen Daten passen.

Andere Moulageure: Bei den übrigen Moulageuren läßt sich keine eigene Durchnumerierung ihrer Moulagen feststellen. Auf den Moulagen selbst sind außer den sammlungsinternen Ziffern keine ande-ren Zahlen erkennbar, die auf ein eigenes Archivierungssystem hindeuten könnten.

HÄUFIGKEIT DER ERKRANKUNGEN:

Geschlechtskrankheiten 74 Erythematöse u. exanthematische Erkrankungen 49 Mykobakteriosen 39 Erkrankungen des Bindegewebes 33 Physikalisch u. chemisch bedingte Erkrankungen 25 Maligne Lymphome 25 Benigne Tumoren u. Nävi 22 Maligne Tumoren u. Paraneoplasien 21 Bakterielle Erkrankungen 21 Viruserkrankungen 21 Mykosen 17 Keratosen 12 Granulomatöse Erkrankungen 12 Blasenbildende Erkrankungen 11 Hämorrhagische Diathesen 10 Ablagerungserkrankungen 9 Akne u. akneähnliche Erkrankungen 8 Ekzemerkrankungen 7 Prurigo und neurologische Erkrankungen 6 Epizoonosen 4 Avitaminosen 2 Erkrankungen der ekkrinen Schweißdrüsen 2 Stoffwechselerkrankungen 2 Erkrankungen der Mundhöhle u. der Lippen 1 Keine Diagnose auf der Moulage 14 Nicht einzuordnende Diagnosen 5

Tab. 1: Gruppen dermatologischer Krankheitsbilder, die die Moulagen der Kieler Sammlung darstellen, ihrer Häufigkeit nach geordnet. Unter den meisten Moulagen findet sich ein Schild mit der dazugehörigen Diagnose.

SAMMLUNGSINTERNE KIELER EINTEILUNG:

Gruppe Zuzuordnende Diagnose 1 Blasenbildende Erkrankungen 2 keine übergeordnete Diagnose 3 keine übergeordnete Diagnose 4 Keratosen 5 Reaktionen auf exogene Stoffe 6 keine übergeordnete Diagnose 7 keine Moulage vorhanden 8 keine übergeordnete Diagnose 9 keine Moulage vorhanden 10 Hauttuberkulose 11 keine übergeordnete Diagnose 12 keine übergeordnete Diagnose 13 Erregerbedingte Erkrankungen 14 Lues 15 Lues 16 Lues 17 Lues 18 keine übergeordnete Diagnose 19 Tumoren 20 keine übergeordnete Diagnose 21 keine übergeordnete Diagnose 22 keine übergeordnete Diagnose 23 Mykosen 24 Lichen ruber

Tab. 2: Auflistung der übergeordneten sammlungsinternen Gruppen 1- 24. Einzelne Gruppen lassen sich zuordnen. Manche Diagnose ist in mehreren Gruppen vorhanden, anderen Grup-pen hingegen lassen sich keine Diagnose zuordnen. Zu den Gruppen 7 und 9 sind keine Moulagen vorhanden.

3 Die Moulageure der Kieler Sammlung:

Für die Kieler Moulagensammlung haben über einen Zeitraum von 1897 bis 1935 insgesamt acht Moulageure gearbeitet (Tab. 3). Ähnlich wie bei anderen deutschen Sammlungen, z.B. Freiburg, fertigten neben lokalen Moulageuren auch auswärtige Wachsbildner für die Samm-lung. Andere Sammlungen hingegen, wie z. B. Zürich beschäftigten fast ausschließlich eigene Moulageure, um eine Kontinuität der Sammlung zu gewährleisten. Nur die wenigsten Moulageure übten die Moulagiertätigkeit hauptberuflich aus. Die meisten fertigten die Wachsmodelle neben ihrem eigentlichen Beruf, der oft einen handwerklichen, künstlerischen oder auch medizinischen Hintergrund hatte und somit als hervorragende Grundlage dienen konnte. Auch in Kiel übten alle lokalen Moulageure ihre Moulagier-tätigkeit neben ihrem eigentlichen Beruf aus. Während Frau Harloff hauptberuflich als Laborantin in der Hautklinik tätig war und auf medizinisches Hintergrundwissen zurück-greifen konnte, scheinen Herr Saalborn als Präparator und Herr Klein als Werkmeister mit ihren Tätigkeiten im handwerklichen Gewerbe zunächst keinerlei Beziehung zum medizi-nischen Bereich gehabt zu haben. Ob auch Professor Klingmüller das Moulagieren erlernt hat, ist nicht bekannt, wäre aber denkbar, da zur damaligen Zeit auch einige Ärzte wie z.B. der Wiener Arzt Carl Henning (1860- 1917) die Moulagenkunst beherrschten. Während die einzelnen Moulageure in den Jahren ihrer Tätigkeit für die Universitäts- Haut-klinik kontinuierlich Moulagen lieferten, scheint die Kieler Sammlung jedoch nicht ununter-brochen vervollständigt worden zu sein. Anhand der einzelnen Datierungen der verschiede-nen Moulageure (Tab. 3) ergeben sich Zeiträume, zu denen sich keine Moulagen zuordnen lassen. So existieren keine datierte Moulagen aus der Zeit zwischen 1908 und 1912. Dieser Zeitraum von vier Jahren wird von dem darauffolgenden Abstand zwischen den Jahren 1916 und 1927 mit elf Jahren noch weit übertroffen. Eine nächste Pause von vier Jahren begann im Jahr 1928 und dauerte vermutlich bis 1932. Für alle diese Pausen findet sich keine eindeutige Erklärung. Da jedoch mehr als die Hälfte der Kieler Moulagen nicht datiert ist (n = 244), stammen sie möglicherweise aus diesen Zeiträumen.

DIE MOULAGEURE :

Moulageur Moulagen Datierung der Moulagen Alfons Kröner, Breslau (gest. 1937) 354 Moulagen 149 Moulagen 1897-1908, 1931 205 Moulagen undatiert Detlef Klein, Kiel (1879-1962) 31 Moulagen 22 Moulagen 1932-1935 9 Moulagen undatiert Olga Harloff, Kiel (geb. 1887) 25 Moulagen 21 Moulagen 1912-1916 4 Moulagen undatiert H.E. Becher, München (Lebensdaten unbekannt) 21 Moulagen 21 Moulagen undatiert Ernst Saalborn, Kiel (1893-1968) 13 Moulagen 13 Moulagen 1927-1928 W. Beck (Lebensdaten unbekannt) 3 Moulagen 3 Moulagen undatiert Fritz Kolbow, Berlin (1878-1946) 2 Moulagen 2 Moulagen undatiert Sergej P. Fiwejskj, Moskau (1856-1934) 1 Moulage 1 Moulage 1913

Tab. 3: Überblick über die acht Moulageure, die für die Kieler Sammlung gearbeitet haben. Zugeordnet ist die heute noch vorhandene Anzahl der Moulagen und der Zeitraum der Ferti-gung.

3.1 Alfons Kröner:

Über Kröners Biographie ist bis heute nur wenig bekannt. So kennt man lediglich sein Sterbe-jahr 1937. 1897 war er Nachfolger des Moulageurs Paul Berliner (Lebensdaten unbekannt) an der Dermatologischen Universitätsklinik in Breslau geworden, die sich Ende des letzten Jahr-hunderts unter Professor Albert Neisser (1855-1916) zu einem wichtigen Zentrum der deutschsprachigen Dermatologie entwickelt hatte. Neisser bildete zahlreiche Schüler aus, die in der Folge an verschiedenen dermatologischen Kliniken in Europa als Ordinarien wirkten. Auch Klingmüller zählte nach fast einem Jahrzehnt Tätigkeit an der Breslauer Klinik zu seinen Schülern, bevor er im Jahr 1906 dem Ruf an die Hautklinik Kiel folgte. Im Jahr 1890 begann Neisser, angeregt durch die Moulagen von Jules Baretta in Paris, eine eigene Moula-gensammlung aufzubauen, die sich zu einer der größten Sammlungen Europas entwickeln sollte. Kröner zeichnete sich durch eine enorme Produktivität über vierzig Jahre hinweg aus. Er schuf insgesamt 2695 Moulagen , die sich durch Schenkungen oder Verkauf in In- und Aus-land verteilt haben. Vor allem in deutschen Sammlungen sind seine Moulagen zu finden, da viele Ordinarien Moulagen nach ihrer Tätigkeit in Breslau mit an ihren neuen Wirkungsort brachten. In Breslau selbst existieren noch 313 Moulagen. Die in Kiel erhaltenen 354 Arbeiten stellen das größte Kontingent der Sammlung und datieren aus dem Zeitraum von 1897 bis 1908 und von 1931 (Tab.4). Für die lange Pause zwischen 1908 und 1931 gibt es keine Erklärung, möglicherweise sind dieser jedoch undatierte Moulagen zuzuordnen. So-wohl einige datierte als auch undatierte Moulagen von Kröner tragen ein Firmenschild mit der Aufschrift "Alfons Kröner, Atelier für medizinische Lehrmittel Breslau XVI". Da Kröner von 1910 bis 1930 als Künstler und Modelleur im "Adreßbuch für Breslau" nachweisbar ist, könnten die undatierten Moulagen aus diesem Zeitraum stammen. Die hohe Qualität hinsichtlich Detailtreue, Farbgebung und Realitätsnähe, die Kröners Arbei-ten kennzeichnete, läßt sich in den zu ihrer Zeit hochgeschätzten Atlanten der Hautkrank-heiten von Eduard Jacobi ersehen. Die "Abbildung eines Krankheitsbildes" (Moulage) wird in den Atlanten von Jacobi als fotografische Vorlage verwendetet. Die Moulagen Kröners stellen in allen Auflagen den größten Anteil abgebildeter Wachsmodelle. In der 5. Auflage des Jacobi Atlas, Band I und II sind 25 Moulagen, die sich heute in der Kie-ler Sammlung finden, abgebildet (Tab. 4). Ob es sich um die Originalmoulagen oder um Reproduktionen handelt, läßt sich allerdings nicht mehr nachvollziehen. Hinweise auf explizit Kieler Moulagen gibt es in den Atlanten nicht.

MOULAGEN DER KIELER SAMMLUNG IN DEN JACOBI ATLANTEN:

Band I: Band II:

Abbildung Tabelle Abbildung Tabelle 13 7 132 80 24 16 135 82 25 17 153 93 28 19 154 94 53 33 172 104 70 42 173 105 76 46 174 106 113 68 190 115 121 74 238 145 122 74 245 148 123 75 248 150 127 77 255 154 128 77

Tab. 4: Überblick über die in den zwei Bänden der Jacobi Atlanten abgebildeten Moulagen, die heute in der Kieler Sammlung vorhandenen sind. Es werden die entsprechende Abbildung und die dazugehörige Tabellenangabe angegeben. Ob es sich hierbei um die Originalmou-lagen oder um Reproduktionen handelt bleibt unklar, da sie als Moulagen aus Breslau ausge-zeichnet sind.

3.1.1 Das Patent:

Alfons Kröner war einer der bedeutendsten Moulageure seiner Zeit. Wie damals üblich, hielten viele Moulageure aus Angst vor Konkurrenz insbesondere ihre Wachsrezepturen, die zur Fertigung der Moulagen benötigt wurden, unter Verschluß. So wurde zum Beispiel häu-figer vergeblich versucht, das Geheimnis der Wachsmischung des Moulageurs Jules Baretta zu lüften. Auch Kröner galt als sehr verschlossen, was seine Wachsmischung betraf.

Um so erstaunlicher ist es, daß Alfons Kröner ein Patent über "Das Verfahren zum Modelliren von Körpertheilen in Wachs" besaß. Das Patent stammt vom 4. Januar 1902 (Abb. 2) und war bis heute völlig unbekannt. Es beschreibt nicht nur ausführlich die einzel-nen Schritte der Fertigung von Moulagen, sondern gibt auch die detailierte Zusammensetzung der Wachsmasse an. In Kiel existieren 29 Moulagen von Alfons Kröner, die den weißen, handgeschriebenen Schriftzug "DRP" tragen (Abb. 3). Die Mutmaßung, daß es sich bei dieser Abkürzung um den Hinweis auf ein "Deutsches Reichspatent" handelt, konnte durch eine Patentrecherche bestätigt werden. Die so gekennzeichneten Moulagen datieren aus den Jahren 1898 bis 1903. Lediglich eine Moulage dieser Reihe ist nicht datiert. Die Jahreszahlen liegen teilweise vor dem Datum der Patenterteilung. Diese Diskrepanz könnte durch die unterschied-lichen Daten zwischen Patentantrag (Datum unbekannt) und Patenterteilung (1902) zu erklä-ren sein. Anhand der Moulagen läßt sich nicht erkennen, ob es sich um Unikate oder Mehrfachexem-plare handelt. Andererseits kann die Datierung Hinweis auf ein Duplikat sein, das erst nach einem Original, auf das sich die Jahreszahl bezieht, hergestellt worden ist. Daß Alfons Kröner durchaus Mehrfachexemplare anfertigte, läßt sich durch die Existenz mehrerer identischer Moulagen in unterschiedlichen Sammlungen nachweisen. So finden sich mindestens zwei identische Moulagen in Breslau und in Kiel. Vermutlich war es nur durch eine serienmäßige Fertigung möglich, den zunehmenden Bedarf an Moulagen zu decken. Ob Kröner alle Moulagen nach der patentierten Herstellungstechnik gefertigt hat oder ab wann er sie benutzte, läßt sich nicht sicher nachvollziehen. Bei vielen seiner Moulagen ist eine unterschiedlich ausgeprägte Vergilbung nachweisbar, die wahrscheinlich auf die Bei-mischung von bestimmten Harzen zurückzuführen ist und als sogenanntes "Sterben der Mou-lagen" bezeichnet wird. Die unterschiedliche Vergilbung bei den Kieler Moulagen mit gleicher Jahreszahl, die der gleichen Lagerung ausgesetzt waren, läßt vermuten, daß die Zu-sammensetzung der oberen Wachsmasse nicht immer dieselbe war. Kröners Moulagen sind danach aus drei Schichten aufgebaut. Die Gipshohlform wurde mit einer dünnen Schicht einer Mischung aus Dammaraharz, Carnaubawachs, weißem Bienen-wachs und Ricinusöl mit einem Pinsel ausgemalt. Hinter diese äußerste Schicht wurden als nächstes die Adern oder anderere Färbungen der Haut aufgetragen. Auf diese Hautschicht folgte nun eine weitere Wachsmasse, die dem Farbton der Haut entsprach, allerdings weniger durchscheinend erschien. Sie bestand aus weißem Dammaraharz mit Carnaubawachs unter Zusatz von Rizinusöl. Als letztes wurde die Füllmasse hinzugefügt, die auf Dammaraharz, Mastix oder Burgunderharz mit japanischem Wachs, Paraffin oder gewöhnlichem Bienen-wachs und Carnaubawachs beruhte.

Bei anderen Moulageuren finden sich durch eigene Äußerungen und die von Mitarbeitern und Zeitgenossen allenfalls diffuse Hinweise auf ihre Herstellungstechnik und die Wachszusam-mensetzung der Moulagen. Die detailliertesten und umfangreichsten Schilderungen zur Mou-lagenherstellung machte der griechische Dermatologe Georgios Photinos im Jahr 1907, der das Verfahren von Heinrich Kasten (1842-1921) publizierte , sowie Franz Veress und Otto Vogelbacher (1869-1943) aus Freiburg. Die Moulagentechnik des in Wien ansässigen Mou-lageurs Alphons Raimund Poller (1879-1930) wurde posthum im Jahr 1931 veröffentlicht . Auch die nordamerikanischen Moulageure wie J.F. Schamberg, J.F. Wallis und H. Douglas müssen in diesem Zusammenhang erwähnt werden, da sie in dieser Hinsicht wesentlich auf-geschlossener als ihre europäischen Kollegen waren. Zwischen den verschiedenen Moulageuren variieren sowohl das Abdruckmaterial als auch das Material der eigentlichen Moulage erheblich. Üblicherweise wurde für den Abdruck Gips verwendet. Zu diesem Teil der Moulagenherstellung äußert sich Kröner in seinem Patent nicht detailliert, sondern verweist auf bekannte Verfahren. Andere Moulageure entwickelten alternative Abdruckmaterialien zu Gips und Wachsen, um auf diese Weise Handhabbarkeit und Detailtreue zu verbessern. Reversible Hydrokolloide wie Elastine von dem Wiener Mou-lageur Dr. Carl Henning (1860-1917) und Negocoll von Alphons Poller waren zwar pub-liziert, in ihrer Zusammensetzung jedoch nicht genau beschrieben. Für die Moulagen-sammlung am Hautklinikum Linden in Hannover wurden noch bis in die siebziger Jahre dieses Jahrhunderts verschiedene moderne Kunststoffe wie Silikonkautschuk als Abdruck-material und das PVC-Produkt Vestolit zur Moulagenherstellung verwendet. Die genaue Zusammensetzung der Wachsmischung für die Fertigung des Positivs war meist ein gut gehütetes Geheimnis. Neben den verwendeten Materialien war die weitere Ausarbei-tung der Moulage individuell unterschiedlich. An einer zerbrochenen Kröner- Moulage aus der Freiburger Sammlung wird das Übermalen von Effloreszenzen gezeigt. In seinem Patent beschreibt Kröner jedoch eine Untermaltechnik. Farbschattierungen und Gefäße werden dabei von der Rückseite des wächsernen Abgusses gemalt. Andere Moula-geure wie Heinrich Kasten, der für Prof. Oskar Lassar (1849-1907) in Berlin tätig war, Fritz Kolbow aus Berlin sowie Theodor Johnson aus Freiburg arbeiteten mit der Übermaltechnik, wobei die Effloreszenzen auf die Außenseite mit Ölfarbe aufgetragen wurden. Nachteile dieser Technik waren vor allem mangelnde Wirklichkeitsnähe in Hinsicht auf Farbe, Kon-sistenz und Transparenz sowie große malerische Ansprüche an den Moulageur. In der Unter-maltechnik, die 1908 von Franz Veress publiziert wurde, sollen sich diese Probleme ver-mindern lassen. Ursprünglich von Baretta entwickelt, hat Alfons Kröner diese Methode offensichtlich 6 Jah-re vor Veress beschrieben, was weder damals noch heute bekannt war. Kröners Methode hat sich jedoch offensichtlich neben den zahlreichen individuellen Vorgehensweisen anderer Moulageure nicht durchsetzen können. Gründe für die Verschlossenheit der einzelnen Moulageure dürften durch die wirtschaftliche Situation bedingt gewesen sein. Potentielle Konkurrenz konnte aufgrund der häufig unsiche-ren Anstellung als freier Mitarbeiter oder Angestellter einer Klinik nicht geduldet werden. Wenn überhaupt, war die Weitergabe der Moulagenkunst nur an einen Schüler üblich. Als außergewöhnliches Beispiel soll hier die Moulagenkunst des Fritz Kolbow erwähnt werden, dessen Technik sich bis heute durch ununterbrochene Weitergabe an Schüler in Zürich er-halten hat.

Mit dieser Arbeit konnte erstmals gezeigt werden, daß Alfons Kröner mit dem Patent aus dem Jahr 1902 entgegen der bisherigen Auffassung seine Kenntnisse öffentlich zugänglich ge-macht hat. Die Patentschrift beschreibt nicht nur ausführlich die Herstellung der Moulagen, sondern auch die Zusammensetzung der Wachsmischung. Besonderheit dieser Technik sind das schichtweise Ausgießen des Gipsabdruckes sowie die Bemalung von der Rückseite in der sogenannten Untermaltechnik. Offensichtlich erkannte er früh die Notwendigkeit und Mög-lichkeit, sein Können patentrechtlich schützen zu lassen. Die Beantragung eines Patents belegt den Versuch, angesichts der des Konkurrenzdruckes und der zunehmenden Kommerzialisierung unter den Moulageuren seiner Zeit zu bestehen.

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